Das Mädchen an der Straßenecke


Das Mädchen an der Straßenecke

Schneeflocken fielen dicht und bedeckten die Straßen der Altstadt. Weihnachtsmusik klang aus den festlich geschmückten Geschäften. Menschen mit voll bepackten Taschen liefen emsig auf und ab. Weihnachtsmänner verteilten Süßigkeiten an Kinder.
Das kleine Mädchen saß an einer Straßenecke und zog das dünne Jäckchen noch enger an sich. Doch es wurde nicht wärmer. Sie verschränkte die Arme vor sich und grub die Hände unter die Achseln, damit sie ihr nicht abfroren.
Carina und Markus gingen die Straße entlang und sahen speziell in die Auslagen mit Spielwaren.
„Also, ich wünsche mir heuer zu Weihnachten einen Computer“, erzählte der elfjährige Markus. „Mit Kinderkram brauchen die mir gar nicht kommen.“
„Haben deine Eltern soviel Geld?“ fragte Carina, nur ein Jahr jünger als Markus.
„Oh ... `s gibt ja Computer in verschiedenen Preisklassen.“
„Ja, so ein Computer wär’ schon was. Aber den brauch ich mir gar nicht wünschen. Ich brauche nämlich heuer neue Ski und Skischuhe. Meine Mama hat gesagt, das wär’ schon teuer genug.“
„Ach, das bekomm’ ich sowieso, brauchen wir ja schon von der Schule aus.“
„Hey, schau, die tolle Barbie-Familie. Ob ich’s doch versuche und mir doch was wünsche?“
„Ach Puppen ...“
So schauend und überlegend gingen sie also dahin, bis Markus beinah über das kleine Mädchen gestolpert wäre. „Wer ist denn die da? Hockt da so rum, dass man drüber fliegt.“
„He du, was hockst du da mitten auf der Straße?!“ fuhr er sie an und stupste sie kurz mit dem Fuß.
„Lass sie doch ...“, sagte Carina und versuchte, Markus weiterzuziehen.
„Nein, ich will jetzt wissen, was die da tut.“
„Schau da, der Zettel.“ Carina bückte sich und sah, was auf dem Zettel stand, den das Mädchen in der Hand hielt. Markus tat es ihr gleich.
„Bin arm. Meine Mutter krank und kein Geld. Bitte helfen.“
„Die will wohl Geld“, entfuhr es Markus.
„Na, wenn sie doch so arm ist“, antwortete Carina.
„Glaub ich nicht. Würdest du dich das trauen?“
„He“, sagte Markus und stupste sie mit dem Finger kurz an, „bist du wirklich so arm oder willst du nur absahnen?“
Das Mädchen antwortete nichts, sondern verschränkte die Arme nur noch fester um ihren Körper.
„Der ist kalt“, meinte Carina.
„Warum antwortet sie mir nicht?“
„Vielleicht versteht sie dich nicht.“
„Pflanzen will die mich. Gehen wir weiter.“
Carina zögerte, dann legte sie dem Mädchen schnell zwei Euro in den Schoß.
„Spinnst du?“, war Markus’ Kommentar dazu.
Carina und Markus bogen in eine andere Straße ab, besahen sich noch einige Schaufenster und gingen danach nach Hause. Sie wohnten beide im selben Wohnblock, die Wohnungen ihrer Familien lagen sogar nebeneinander. Deshalb waren sie auch so gute Freunde.
Als Carina am nächsten Morgen aufwachte, war plötzlich das Mädchen wieder in ihrem Kopf. Auch in der Schule musste sie an sie denken. In der Pause erzählte sie dies Markus.
„Du, mir geht dieses Mädchen nicht mehr aus dem Kopf.“
„Welches Mädchen?“
„Na, die an der Straßenecke.“

„Ach die ...“
„Meinst du ... sie sitzt heut’ wieder dort?“
„Pff ...“, machte Markus und zuckte die Schultern.
Aber er ging dann doch mit, als Carina ihn am Nachmittag – nach den Hausaufgaben – abholte.
Und sie saß wiederum da. Am gleichen Platz, in der gleichen dünnen Jacke.
„Du, sie tut mir so leid. Sie muss doch schrecklich frieren ...“, flüsterte Carina Markus zu.
„Was hockt sie denn auch da herum ...“
„Könnten wir ihr nicht helfen?“
„Wie denn ...?“
„Weiß nicht.“
„Eben.“
„Vielleicht sollten wir unsere Eltern fragen?“
Markus zuckte nur die Schultern.

Beim Abendessen setzte Carina ihre Idee in die Tat um und erzählte ihren Eltern von dem Mädchen. Die überlegten erst eine Weile, dann entschlossen sie sich, Markus’ Eltern auf einen Kaffee rüberzuholen und mit ihnen zu sprechen. Markus hatte natürlich noch nichts erzählt.
„Also, ich würde da vorsichtig sein“, meinte Markus’ Vater. „Es gibt da richtig organisierte Verbrecherringe. Erwachsene schicken Kinder zum Betteln, die erregen nämlich am meisten Mitleid. Am Abend müssen sie dann alles abgeben.“
„Wer schickt die Kinder? Ihre eigenen Eltern?“, fragte Carinas Vater.
„Nein. Bandenführer, Bosse oder wie immer sie genannt werden. Die suchen sich Kinder, die keine Eltern mehr haben, Straßenkinder oder Ausreißer. Erst tun sie so, als böten sie ihnen ein Zuhause an. Tja und kaum haben die Kinder ein bisschen Vertrauen gefasst, dann schicken sie sie zum Betteln. Dafür bekommen sie Essen und einen Schlafplatz, mehr wahrscheinlich sowieso nicht. Ich habe davon mal was im Fernsehen gesehen“, führte Carinas Mutter das Wort fort.
„Eine dünne Jäcke ...“, sagte da Carina leise.
„Was?“, fragten alle zusammen.
„Ja, sie hat eine viel zu dünne Jacke an. Bei der Kälte ...“
Beide Elternpaare sahen sich betroffen an.

Als Carina am nächsten Tag von der Schule heimkam, fragte ihre Mutter: „Sag mal, wie alt ist denn das Mädchen und wie groß?“
„Weiß nicht. Sitzt ja immer. Schätze sie ein bisschen jünger als mich.“
„Na, dann passt ihr der vielleicht;“
Sie hielt Carina einen Mantel hin, aus dem sie schon rausgewachsen war.
„Den hast du nur einen Winter getragen. Ist noch gut erhalten.“
„Und warm“, ergänzte Carina und hatte es plötzlich eilig, zu essen und dann zu dem Mädchen zu gehen. Ausnahmsweise vor den Hausaufgaben.
„Hier, probier mal.“ Carina hielt dem Mädchen den Mantel hin. Das Mädchen blickte verwundert und zugleich ängstlich auf. „Ist wirklich für dich, wenn er passt. Ein Geschenk.“
Zaghaft stand das Mädchen auf und griff nach dem Mantel. Carina half ihr hinein. Er passte. Das heißt, mit ein paar Kilo mehr, würde er noch besser passen. Die Augen des Mädchens leuchteten plötzlich. Doch dann sah sie Carina fragend an.
„Ja doch, ja. Du darfst ihn behalten.“
Das Mädchen ließ den Mantel gleich an und setzte sich wieder.
„Wo wohnst du eigentlich?“, fragte Carina. Sie erhielt keine Antwort.
„Wirst du ... wirst du gezwungen, hier zu sitzen?“
Das Mädchen schüttelte heftig verneinend den Kopf. Na, wenigstens versteht sie mich, dachte Carina. Aber soviel sie noch fragte, sie brachte nichts mehr aus dem Mädchen heraus.

„Wir schleichen ihr einfach nach“, schlug Markus vor, als Carina ihm alles erzählte. Carina war einverstanden. Sie blieben etwas entfernt von dem Mädchen stehen und taten, als sähen sie sich die Auslagen an. Als die Geschäfte alle geschlossen hatten und die Straßen langsam leerer wurden, stand das Mädchen auf und ging davon. Carina und Markus folgten ihr, achteten aber darauf, dass sie genug Abstand hatten, um nicht von ihr gesehen zu werden.
Sie mussten nicht weit gehen. Nur drei Straßen weiter betrat das Mädchen ein altes Haus. Sie liefen schnell hin, öffneten die Tür und konnten gerade noch sehen, wie das Mädchen im zweiten Stock hinter einer Tür verschwand.
„Und jetzt?“, fragte Carina.
„Jetzt läuten wir“, antwortete Markus, mit einem Mal mutig und neugierig geworden.
„Bist du verrückt?“
„Warum?“
„Ich trau mich nicht ...“
„Was soll schon passieren?“
„Du weißt nicht, wer da aller drin ist.“
Mittlerweile hatten sie den zweiten Stock erreicht und Markus klingelte einfach an der Tür, von der er glaubte, hier das Mädchen reingehen gesehen zu haben.
Das Mädchen öffnete und blickte sie erschrocken an.
„Wir, ich ...“, stotterte Markus.
„Wir wollen dich besuchen“, sagte Carina schnell, weil ihr auch nichts Besseres einfiel.
„Meine Mutter krank“, sagte das Mädchen langsam.
Aber Carina und Markus blieben beharrlich stehen, sodass das Mädchen sie dann doch hinein ließ.
Eine kleine Küche, ein noch kleineres Bad, ein mittelgroßes Zimmer, das war’s schon. Auf einer Couch in einer Ecke des Zimmers lag die Mutter des Mädchens und hustete stark. Trotzdem lächelte sie die Kinder an. „Bitte“, versuchte sie in den kurzen Hustenpausen zu sagen, „bitte ... nicht zu nahe ... vielleicht ... anstecken ...“
Carina und Markus wussten nicht recht, was sie sagen oder tun sollten, deshalb gingen sie. Aber am nächsten Abend waren sie wieder da und hatten ihre Väter mitgebracht.
„War schon ein Arzt da?“, fragte Carinas Vater.
„Nein ... nein, bitte kein Arzt ...nicht versichert ...“, fügte sie leise hinzu.
Nach längerem mühevollem Gespräch fanden Carinas und Markus’ Väter jedoch heraus, dass die Mutter ungerechtfertigt entlassen worden war und sehr wohl noch Anspruch auf Versicherungsleistung hatte. Die Väter handelten und ließen die Frau auf schnellstem Wege ins Krankenhaus bringen. Das Mädchen nahm einstweilen Carinas Familie auf. Nur noch zwei Tage bis Heilig-Abend, aber die beiden Familien halfen zusammen und versuchten noch, alles mit der Krankenkasse und einer Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung in Ordnung zu bringen. Selbstverständlich meldeten sie ebenso das Mädchen in der Schule an. Und während die Mutter des Mädchens glücklich war, im Krankenhaus ihre Lungenentzündung ausheilen zu können, besuchten Carina, Markus und das Mädchen die Kindermette.
Später, unterm Weihnachtsbaum glitzerten Tränen in den Augen des Mädchens.
„Gefällt’s dir nicht?“, fragte Carina.
„Schön... schön ... Mama ...“
„Ach so. Aber deine Mutter kommt bald aus dem Krankenhaus. Dann ... dann feiern wir mit ihr noch mal. Oder ...?“
Carina sah ihre Eltern an. Die nickten lächelnd.
Und es schien, als strahlten die Kerzen am Weihnachtsbaum heuer viel heller ...

Titel: Das Mädchen an der Straßenecke
Autor: Gabriele Maricic-Kaiblinger
gepostet von Gabriele Maricic-Kaiblinger
am 21.12.2014 10:23
E-Mail: pantomime@aon.at

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